Kapitel 1

Kabul, Afghanistan, 1988. Die russiche Armee zieht sich zurück. Der muslimische Junge Basim tritt auf eine Landmine und überlebt schwer verletzt. Sein Vater kommt ums Leben.
Als Basim wieder zu sich kam, lag er auf dem Rücken. Mühsam hob er den Kopf und sah an sich herunter. Sein linkes Bein war völlig verdreht. So, als würde es gar nicht zu ihm gehören. Sein anderes Bein stand senkrecht nach oben. Bis zur Hälfte des Oberschenkels. Der Rest des Beines lag neben ihm auf dem Boden. Zuerst hörte er seinen Vater röcheln, dann schwach rufen: „Basim, Basim, wo bist Du? Basim, was ist mir Dir?“ Mühsam drehte er den Kopf und wollte antworten. Seine Zunge fühlte sich dick und schwer an. Zu dick, zu schwer. Er brachte keinen Ton heraus. Sein Padar versuchte keuchend aufzustehen, stützte sich mit größter Kraftanstrengung auf die zitternden Hände und Knie. Als Hasan Atwa sich hochdrücken wollte, verließ ihn die Kraft, und er kippte zur Seite. Es war das letzte Mal, dass Basim seinen Vater sah. Im Darul-Aman-Krankenhaus nahmen die Ärzte wenig später einem neunjährigen Jungen, der in der Nähe des Königspalastes auf eine Mine getreten war, beide Beine ab.

 

Kapitel 3

Afghanisch-pakistanisches Grenzgebiet, 2001. In eine Höhle schmieden Al-Kaida-Führer Osama Bin Laden und ein kleiner Kreis von Vertrauten Pläne für einen Terroranschlag.

„Und wo befindet sich der Schläfer?“, fragte ein anderer Getreuer aus ihrer Mitte. „In dem Land, in dem auch unsere heldenhaften Brüder gelebt haben, bevor sie die zwei Türme der Macht und des Geldes vernichteten und als Märtyrer glorreich in das Paradies einzogen.“ Der Bruder kratzte sich die Wange. „Aber, wenn die Hunde des Westens das herausfinden?“ – “Sei unbesorgt, seine Tarnung ist vollkommen. Er ist dort sicher. So sicher, wie wir die Kreuzritter ein weiteres Mal schlagen werden. „Wie lange wird es dauern, bis wir die Amerikaner und ihre Stiefel leckenden Knechte endlich in die Hölle jagen?“, fragte Khan und spannte die Muskeln. Als ihr Führer antwortete, blieb seine Stimme ruhig, doch seine Augen sprühten Feuer. „So Gott will, ist der Tag ihrer Strafe nicht mehr fern.“ Khan spürte das Blut in einer heißen Welle durch seinen Körper strömen. „Dieser Tag, Brüder“, brach es aus ihm heraus, „soll sie das Fürchten lehren. So sehr, dass er sie den 11. September vergessen lassen wird.“ Erwartungsvoll sah er zu ihrem Anführer. Als der bedächtig nickte, umspielte Khans Lippen ein grausames Lächeln.

 

Kapitel 3

Columbia, Maryland, USA, 2001. Der griechischstämmige US-Geheimdienstanalyst Vangélis Tsakátos möchte in den aktiven Dienst und bittet seinen Chef, ihn in Deutschland einzusetzen.

Hefner schnaubte verständnislos. „In Europa könnten Sie nicht einmal Ihren derzeitigen Status halten. Wir haben außerhalb der Zentrale keine vergleichbaren Analytikerstellen mit derart hoher Verantwortung. Im Außendienst wären Sie, wo auch immer, überqualifiziert.“ – „Entschuldigen Sie, Direktor, aber in Deutschland sicher nicht. Meiner Meinung nach fehlt dort jemand, der aus den Erkenntnissen der Anti-Terror-Überwachung die richtigen Schlussfolgerungen zieht. Sonst hätten die Todespiloten von Nine Eleven zuvor nicht jahrelang unauffällig in Hamburg leben können.“ Der Direktor stellte die Fußspitzen auf. „Kommen wir also zu Ihrem Einsatzort. Aus Städten wie Hamburg, Frankfurt, Köln, Düsseldorf und Bonn haben wir jede Menge Erkenntnisse darüber, dass Al-Kaida versucht, in Moscheen, Akademien und anderen Einrichtungen Freiwillige für den Heiligen Krieg zu rekrutieren. In Berlin ist die Nachrichtenlage dünner und die Situation unübersichtlicher. Warum wollen Sie ausgerechnet in die deutsche Hauptstadt?“ – „In Belgien, Frankreich, Großbritannien und anderen Ländern hatten die Selbstmordattentäter immer die Hauptstadt im Visier. Aber gerade aus Berlin hören wir, wie sie selbst sagten, bislang relativ wenig. Das erscheint mir ziemlich merkwürdig, und ich würde diesen Zustand gern ändern.“ Vangélis trank einen Schluck Scotch. „Außerdem hat meine Frau in Berlin Aussicht auf eine wissenschaftliche Stelle.“

 

Kapitel 10

Altstadt von Athen, Griechenland, 2004. Tsakátos´ Frau und Tochter werden entführt. Auf der Suche nach ihnen trifft Tsakátos auf Terroristen der Gruppe Widerstand Hellas.

Bevor der Lieferwagen auf dem Dach aufschlug, setzte eine Kettenreaktion ein. Drei weitere, fast parallel erfolgende Explosionen rissen das Fahrzeug mit solcher Wucht auseinander, dass die Druckwelle die Fensterscheiben der gegenüberliegenden Häuser wie Luftballons platzen ließ. Der Zerstörungseffekt glich dem einer Tretmine. Die Fahrzeugsplitter hackten fingerdicke Löcher aus Gebäudefassaden, fraßen sich in die Holzbretter des Lagerhauses und in die Bleche der Polizeifahrzeuge, bohrten sich in die Schutzwesten der Einsatzkräfte, rissen Fleischfetzen aus ungeschützten Körperteilen. Es war wie eine Vorahnung, ein unbeschreibbares, aber sicheres Gefühl, dass sein Tod unmittelbar bevorstand. Vangélis reagierte ohne nachzudenken, warf sich seitlich auf den Beifahrersitz und riss dabei instinktiv die Arme hoch, um Kopf und Gesicht zu schützen. Den Bruchteil einer Sekunde später durchsiebten die Kleinstteile des zerstörten Lieferwagens das Blech und die Scheiben seines Citroens. Das Geräusch der einschlagenden Splitter nahm er wie durch Watte gedämpft wahr. Es erinnerte ihn an Hagelkörner. Hagelkörner, die von einer Windböe angetrieben, auf das Dach und gegen die Windschutzscheibe seines Wagens prasselten.

Foto:  www.martin-egbert.de

Afghanistan, Juni 2003. Der Panzerfriedhof vor den Toren der Hauptstadt Kabul zeugt von den Kämpfen der afghanischen Nordallianz, der es mir US-Luftunterstützung Ende 2001 gelingt, Kabul sowie die Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz von den Taliban zurückzuerobern. Im Frühjahr 2002 folgen Militäroperationen gegen Al-Kaida. Die Suche nach dem führenden Kopf des Terrornetzwerkes, Osama Bin Laden, wird mehr als neun Jahre dauern.

 

Kontakt Frank Hartmann per E-Mail: f-hartmann@gmx.net